Schere zwischen Armen und Reichen öffnet sich immer mehr

(Last Updated On: November 5, 2010)

Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schilliger
Wie Reiche denken und lenken
Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche
448 Seiten, ISBN 978-3-85869-428-7, Fr. 38.–
Rotpunktverlag, 2010

 

Geld schafft Einfluss, und Einfluss wiederum Geld. Steueroasen, Steuerdeals, Steuer-Pauschalen bestimmen zusehends Politik und Einnahmen für den schweizerischen Sozialstaat. Die Studie „Wie Reiche denken und lenken“ wird rechtzeitig zur Abstimmung über mehr Steuergerechtigkeit publiziert. Im Buch erscheint ein düsteres Bild der Schweiz.  

Im Fazit zur Studie der Basler Soziologen heisst es: „Jeder zehnte Milliardär der Welt wohnt in der Schweiz. Drei Prozent der hier wohnhaften privaten Steuerpflichtigen haben gleich viel Nettovermögen wie die restlichen 97 Prozent. Die Vermögen der 300 Reichsten stiegen in den letzten zwanzig Jahren von 86 Milliarden auf 459 Milliarden Franken.“

Nebst vielen Einsichten in die rasante Zunahme der sozialen Ungerechtigkeit bietet das neue Buch auch Aspekte einer beängstigenden Parallelgesellschaft, die sich zu einer eigentlichen Klassengesellschaft entwickelt hat. Diese nimmt immer mehr auch die politischen Entscheide mit Einfluss und Geld vorweg. Der Multimilliardär Christoph Blocher, zeitweise auch wohnhaft im gekauften mittelalterlichen Schloss Rhäzüns ganz in der Nähe seines familiären Industriebetriebes, zahlt zum Beispiel kräftig mit für seine Populismusbewegung und lanciert auch eine Neidkampagne gegen angebliche Scheininvalide.

Ausserhalb der Buchbesprechung sei hier bemerkt: Das Leid der armen Menschen ist dafür auf den Bildern des begnadeten Schweizer Malers Albert Anker zu sehen, von denen Blocher sich rund einen Drittel käuflich erwerben konnte. Armut von damals soll als tugendhafte Daseinshaltung bewundert werden. Und der kaufgierige Mäzen insgeheim dazu.

Blocher ist nur eines der vielen Beispiele von Neureichen mit sehr viel neuer Macht aus Geld. Laut Soziologieprofessor Ueli Mäder von der Universität Basel sind heute weit mehr Reiche im Untergrund der politischen Beeinflussung tätig als noch vor dreissig Jahren. 

Teilnehmende Beobachtungen 

Ausgehend von Pierre Bourdieus Kapitalbegriff (finanziell / kulturell / sozial) widmet sich in der Basler Reichtumsstudie Sarah Schilliger mit ethnographischem Blick dem Leben der Reichen. Sie streifte mit ihrem Team durch Empfangshallen von Luxushotels, besuchte Villenviertel in exklusiver Lage bei St. Moritz, analysierte Benefizveranstaltungen, Opernbälle und die bei den Reichen so sehr beliebten Wohltätigkeits-Galas. Diese Subkultur der Reichen dient der sozialen Reproduktion, ebenso wie die Elite-Internatsschulen in den Alpen und am Genfersee. Ihre Kindern müssen nicht nur pauken, sondern vor allem den „guten Geschmack“ lernen, das heisst sich den richtigen Habitus aneignen, um gerne gesehen und angesehen zu werden. Wenn vielleicht einzelnen VertreterInnen des überbordenden Reichtums das soziale Auseinanderklaffen bedenklich erscheinen mag, so wird dem höchstens, selbstverständlich ganz tugendhaft, in freiwilliger Philanthropie begegnet. 

Geld sparen durch Steuern

Die enorme soziale Distanz der reichen Parallelgesellchaft zur Welt der nicht Privilegierten wird überlappt vom Streben, geografisch die günstigsten Steuerdomizile im Lande ausfindig zu machen. Eine Grafik im Buch der Basler Soziologen zeigt, wie der Reichtum an den Ufern des Zürich-, Zuger-, Vierwaldtstätter- und Genfersees, in Basel, im Engadin, in Gstaad und im Südtessin kumuliert. „Marcel Ospel ist von Basel in die Schwyzer Seegemeinde Wollerau umgezogen, seine geschätzten Steuerzahlungen gingen dadurch von 5.3 Millionen auf 1,7 Millionen Franken zurück“, stellt die Studie (S. 317) fest. 

(Dieser Artikel von Ignaz Vogel stammt aus dem Newsletter vom 5. November 2010 des Mediendienstes Hälfte, der mediale Weiterverwendung unter Quellenangabe ausdrücklich erwünscht, was ich hiermit gerne gemacht habe.)

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