Im 19. und 20. Jahrhundert wurden in der Schweiz Tausende von Kindern fremdplatziert. Es war üblich und in Einklang mit der Rechtsordnung, armen Familien die Kinder wegzunehmen und sie gegen Arbeitsleistung oder für geringes Entgelt bei einer anderen Familie unterzubringen. Allzu häufig waren sie dabei behördlicher Willkür und lieblosen, hartherzigen Pflegeeltern ausgesetzt. In diesem dunklen Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte spielt auch der Kanton Bern eine traurige Rolle.
Der Grosse Rat des Kantons Bern überwies 2006 zwei Vorstösse, welche die Aufarbeitung der Geschichte der Verdingkinder im Kanton Bern verlangten. In der Folge gab der Regierungsrat eine Studie über die Fremdplatzierungspraxis im Kanton Bern in Auftrag. Unter der Leitung von Professor Ueli Mäder untersuchte eine Arbeitsgruppe von Juristen, Historikern und Soziologen die Entwicklung des Pflegekinderrechts und dessen tatsächliche Umsetzung in der Praxis. Diese Studie wurde nun unter dem Titel „Die Behörde beschliesst …“ – zum Wohl des Kindes? als Buch publiziert.
An der Buchvernissage zitierte die Motionärin Margrit Stucki-Mäder aus einem Brief, den ihr Roland Begert, selber ein Betroffener, vor der Debatte im Grossen Rat geschickt hatte. Zitat: «Es geht bei der Verdingkinderstudie nicht um materielle Wiedergutmachung. (….) Ein Staat, der Teile seiner eigenen Geschichte ausblendet, kann nie ein wahrhaft demokratischer sein. Es geht darum, dass das Verdingkinderwesen in einer vorurteilsfreien Geschichtsschreibung für die nächsten Generationen aufgehoben wird. (….) Es geht schlussendlich um Versöhnung und Wahrheit.»
Mein Fazit aus der Studie: Die existenzielle Armut war zunächst einer der Hauptgründe für die Fremdplatzierung der Kinder. Später wurden auf Grund einer konstant grossen Nachfrage nach Pflegekindern die leiblichen Eltern erschreckenderweise sogar zur Abgabe ihrer arbeitsfähigen Kinder „gedrängt“. Dies zeigt, wie wichtig die heutige Sozialhilfe gerade auch für das Wohl der Kinder ist.