Volksschule ohne Selektion

(Last Updated On: Oktober 28, 2013)

Heute haben  wir im Grossen Rat die SP-JUSO-Motion „Volksschule ohne Selektion“, eingereicht von Eva Baltensperger, diskutiert. Leider wurde sie abgelehnt. Chancengleichheit ist für die Mehrheit des Grossen Rates leider nur eine leeres Schlagwort. Untenstehend mein Votum zur Debatte:

Vor vielen, vielen Jahren  hat mein Grossvater während der grossen Pause auf dem Pausenplatz desom alten Dorfschulhauses in Köniz  seine Freunde gesucht. Er hat sie draussen nicht gefunden und ist zurück ins Klassenzimmer gegangen, wo sie vor dem Klassenlehrer standen. Der Klassenlehrer hat meinen Grossvater wohl etwas erstaunt angeschaut und gefragt: „Ja du Hansli, wousch Du o i Sekundarschul?“ Weil mein Grossvater bei seinen Freunden bleiben wollte, hat er genickt und der Lehrer hat ihn dann ebenfalls in die Sekundarschule angemeldet.

So hat die Selektion vor etwa 100 Jahren funktioniert. Die Kinder der etwas wichtigeren Familien, aus dem sogenannten Mittelstand,  wurden in die Sekundarschule angemeldet, die Kinder von Arbeitern, heute würde man sagen aus bildungsfernen Millieus, hat man nicht einmal gefragt.

Ganz so offensichtlich willkürlich findet die Selektion heute nicht mehr statt. Aber unser Schulsystem benachteiligt immer noch die Kinder, die von den Eltern nicht genug unterstützt werden können. Die Chancengleichheit existiert nicht wirklich. Unsere Schulen sind wie Schubladen, die darauf warten gefüllt zu werden. In Kantonen mit einem grösseren Anteil der Sekundarschule in der Oberstufe, hätte das gleiche Kind in die Sekundarschule gehen können, während es im Kanton Bern in die Realschule eingeteilt wird. Aber die Etikette Realschüler oder Sekundarschüler wird lange am Kind kleben bleiben und zum Beispiel seine Chancen bei der Lehrstellensuche und der Berufswahl stark beeinflussen.  Ich bin sicher, mein Grossvater wäre nicht Chefbeamter geworden, hätte er damals in der Pause nicht seine Freunde gesucht und bei der Frage des Lehrers genickt. Und ich bin sicher, dass eine Gesellschaft, die echte Chancengleichheit will, auf die Selektion in der Volkschule, wie sie heute stattfindet, und die damit verbunden Etiketten verzichten und alle Kinder bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit gleich fördern muss.

Hinweise:

Verein Schule ohne Selektion www.vsos.ch

Artikel im Bund vom 12.8.2009 zum neu gegründeten Verein „Schule ohne Selektion“

Artikel im Bund vom 22.10.2009: „Lehrer können Schülerleistungen nicht vorurteilsfrei benoten“ und „Massiver Einfluss der Eltern“

Nachtrag vom 26.10.09

Tja, und dann gibt es natürlich noch die Begabtenförderung und ihre Folgen (siehe mamablog vom 26.10.2009)

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