Wahl-Spam

(Last Updated On: Oktober 18, 2011)

In seinem neuesten Blogartikel lässt Andi Jacomet seinem Ärger über unerwünschte Wahlreklame freien Lauf. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es unvermeidlich und auch gar nicht so schlimm ist, wenn im Zusammenhang mit Wahlen und Abstimmungen auch mal Gratiswerbung im Briefkasten ist oder dass man ein E-Mail erhält, so muss ich ihm in gewissen Kritikpunkten auch recht geben.

Bei E-Mails muss es klar möglich sein, dass man sich unkompliziert  aus der Verteilliste streichen lassen kann. Wie man hineingeraten ist noch eine andere Frage, in meinem persönlichen Fall ist aber klar, dass ich an zuvielen Gratiswettbewerben teilnehme, auch an solchen von Parteien und KandidatInnen.

Ein zweifelhaftes Vergnügen ist auch der Empfang von SMS mit Wahlempfehlungen. Ich finde, das ist ok, solange klar ein persönlicher Absender erkennbar ist, wie das hoffentlich mit dem aktuellen SMS-Dienst der SP der Fall ist, und die Telefonnummern nicht gespeichert werden. Anonyme SMS-Wahlempfehlungen, wie sie im Artikel geschildert werden und ich sie selber auch erhalten habe, sollten nur an Mitglieder und deklarierte Sympathisanten erfolgen. Das Problem scheint die Bewirtschaftung dieser Listen zu sein. Wie bei den E-Mails muss es deshalb möglich sein, sich auf einfache Art und Weise wieder aus dem Telefonverzeichnis streichen zu lassen, und die Absendernummer sollte auch klar einen Empfänger haben, bei dem man sich melden kann.

Was die Briefkastenwerbung betrifft, muss ich allerdings um Verständnis bitten. Wenn ich in meinem Quartier Wahl- und Abstimmungsmaterial verteile, ignoriere ich die „Bitte keine Werbung“-Kleber auch. Die SP hat schlicht zu wenig Geld, um mehrseitige Inserate oder adressierte Versände in alle Haushalte zu finanzieren, um eine Position auch mal differenzierter zu erläutern, aber wenigstens haben wir in vielen Gemeinden noch genügend aktive Freiwillige, um die Information zu verteilen. Mit der Stiftung für Konsumentschutz, welche den Kleber vor Jahrzehnten lanciert hat, ist gemäss meinem Wissensstand damals auch abgemacht worden, dass dieser Aufruf für nichtkommerzielle Werbung, nicht gilt.

Verbleiben noch die meist eher unbeliebten Bettelbriefe. Ich erhalte ja auch nicht gerade wenige davon, aber ich weiss, dass dies in der Schweiz ohne vernünftige Parteienfinanzierung, die einzige Möglichkeit ist, die Kampagnen und Initiativen zu finanzieren. Das ist halt wie mit den Spendeaufrufen der gemeinnützigen Organisationen: auch wenn viel im Papierkorb landet oder zum Teil zurückgeschickt wird, finanziell geht die Rechnung auf. Wer sich dadurch zu sehr gestört fühlt, schickt die Briefe in der Tat am besten zurück, und zwar mit dem Vermerk, aus der Adressliste gestrichen zu werden, auch wenn das, wie die Erfahrung mit anderen Organisationen zeigt, manchmal erst im dritten Anlauf gelingt.

1 Kommentar

  1. Andi

    Danke für deine Gedanken dazu.

    Ich benütze die Kommentarspalte bei Dir gerne, um ein paar Gedanken dazu primär an andere Parteimitglieder zu richten. Wenn’s dir zu ausführlich wird oder du dies für den falschen Kanal hälst, lösche es ruhig.

    Als Online-Mandatsträger für verschiedene SP-Leute oder Sektionen riskiere ich, Aufträge und somit einen namhaften Teil meines Einkommens zu verlieren, aber ich hoffe, dass alle zwischen meiner persönlichen Meinung und meiner Arbeit unterscheiden können, die ich natürlich zuverlässig weiterführe.

    Ich befürchte, dass nicht nur die SP vollkommen ausser Rand und Band geraten ist, was Wahlpropaganda angeht. Aber offenbar vor allem die SP.

    Wenn ich mir die Auswüchse auf http://www.sp-mitmachen.ch/announcements/6/ anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass man offenbar das Gefühl vollkommen verloren hat, wann’s dann mal genug ist.

    Es gibt bestimmte Dinge, die einfach tabu sind. Gerade für Parteien, die ansonsten ganz vernünftige Ansichten haben. Dazu gehört Spammen – egal zu welchem Zweck. Wenn die SVP sowas macht, wunderts mich weniger. Aber wenn „meine gute alte“ SP sowas schreibt, kommt mir die Galle hoch:

    „Die SP Schweiz stellt euch gratis Post-It mit einer Wahlaufforderung zur Verfügung. Diese klebt ihr in eurem Quartier an die Haustüren und auf die Briefkästen. (…) Sollten sich Leute von eurem Engagement für den Wahlkampf gestört fühlen, dann sucht mit ihnen das Gespräch. Macht ihnen klar, wie wichtig es ist, am 23. Oktober die SP-Liste einzuwerfen. Und dass sich die Post-It auch wieder abnehmen lassen, ohne Spuren zu hinterlassen.“

    Genau so argumentieren notorische Spammer: “Sie können unser Mail ja einfach löschen, wenn es Sie stört” – es regt mich ungemein auf, dass sich die grösste linke Partei des Landes auf so ein Niveau hinunter lässt.

    Post-Its verteilen, die entweder sofort am Boden landen oder in ihrer Menge schlicht nerven? Das ist beinahe schon wahnhaft, pardon, das ist reichlich unverhältnismässig. Noch unverhältnismässiger als die Partei der Pro-Velo-Präsidentin, deren Ständeratskandidat während Tagen die begehrtesten Veloparkplätze Berns – für die sich Pro Velo sonst vorbildlich einsetzt – mit einem Wahlanhänger blockiert. Da schüttle ich als Mitglied mitleidig den Kopf.

    Aber wir sind ja so vernünftig und cool und es sind schliesslich Wahlen – das ist der Freipass, um alles zu tun, was wir sonst selbst auch nicht so lustig finden!

    Und auch was einem in Facebook momentan für bevormunde Parolen entgegengeschleudert werden: Schon gewählt? Nicht vergessen, am Sonntag Liste X einwerfen! Und ja, du kannst mich zweimal aufschreiben! Hesch scho gwählt? Ja, es isch WICHTIG!!!!

    Ja, für wie blöd halten diese StatusposterInnen eigentlich ihre Facebook-FreundInnen? Ich hab seit 1989 keine Abstimmung und keine Wahl verpasst, und ich kann aufgrund des Verhaltens von PolitikerInnen während der letzten Jahre sehr gut allein entscheiden, wen ich wähle, ohne fast schon sektiererisch alle halbe Stunde nochmals und noch zum hundertsten Male dran erinnert zu werden.

    Wie fast alle anderen auch.

    Ich hab’s so satt, es quillt mir zu beiden Ohren raus (und damit meine ich nun nicht Harald, der sich vorbildlich zurückhält oder seine Statusmeldungen wenigstens noch mit nützlichen Infos garniert). Ich dachte, in Facebook sei man primär mit Menschen befreundet, die man mag. Entweder sympathisieren sie eh schon mit der selben Partei – oder dann wird kaum ein FDP-Stammwähler wegen irgendwelchen Statusmeldungen plötzlich eine linke Liste einwerfen.

    Noch dazu – „Wie man hineingeraten ist noch eine andere Frage“: Ich vermute, dass ich aufgrund meiner beruflichen Dienste für Partei und Parteimitglieder mal irgendwo (explizit ungewollt) in eine Kartei gerutscht bin. Es ist wie bei offen versandten (CC statt BCC) Massenmails: Viele Leute haben das Gefühl, persönliche Adressdaten seien Freiwild und man könne solche Sachen auch für seine nächste Vernissage, das Konzert des Cousins oder die Hundsverlochete in Entenhausen verwenden. Nee, eben nicht.

    „SMS-Wahlempfehlungen, wie sie im Artikel geschildert werden und ich sie selber auch erhalten habe, sollten nur an Mitglieder und deklarierte Sympathisanten erfolgen.“ – Aber Harald, mal im Ernst… was bringt das ausser Ärger mit Leuten wie mir, die sich belästigt fühlen? Wieso soll man ausgerechnet Mitglieder und Sympathisanten, die zu 99% eh schon SP wählen, dazu auffordern, SP zu wählen? Dann lieber noch Streuwerbung in Briefkästen. So erreicht man wenigstens unentschlossene WechselwählerInnen.

    Aber nur in Briefkästen ohne Stoppkleber – denn die anderen haben diesen Kleber eben gerade drauf, weil sie KEINE WERBUNG wünschen, in Grossbuchstaben.“ Die SP hat schlicht zu wenig Geld“ ist die übliche Ausrede, die alle verwenden. Mag sein – Parteienfinanzierung ist hier aber nicht das Thema, KEINE WERBUNG heisst KEINE WERBUNG und ist zu respektieren, punkt.

    Ich warte gespannt auf die kommenden Wahlkampfaktionen der Partei, die hoffentlich wieder moderater ausfallen. Ich bin kaum der einzige, der froh ist, wenn der Kindergarten wieder vorbei ist.

    Und liebe sozialdemokratische Mitlesende: Mit Post-It-Aktionen, SMS-Spams, unerwünschter Post und dergleichen züchtet man bestenfalls frustrierte Nichtwählende heran, die sich von diesem Zirkus, von dieser ungewollten Bombardierung auf allen Kanälen angewidert abwenden.

    Ich bin auf dem besten Wege dazu – die SP hat mir die Lust am Wählen mit diesem Overflow beinahe vergrault. Aber die Lust zum SP wählen sowieso. Ich werde dieses Jahr grün einwerfen.

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